Damals

Mein Blick schweift hinaus, hinüber. Die Welt zieht an mir vorbei, schneller noch als meine fliehenden Gedanken. Ich kneife die Augen zusammen und sehe die Wirklichkeit zu einem milchigen Nebel aus Licht und Dunkel verschwimmen. Kaum da, schon wieder vorbei. Regentropfen bahnen sich ihren Weg quer über die Fensterscheiben des Autos, in dem ich unterwegs bin nach irgendwo, um Heute zu Gestern werden zu lassen. Ich drehe die Musik lauter und starre stur geradeaus, durch den Schleier aus Wasser, der die Frontscheibe von allem Gegenwärtigen rein zu waschen scheint, auf die Straße vor mir.

Welche Stelle ich auch immer fixiere, Sekunden später hat sie mich erreicht, unaufhaltsam, unverbesserlich. Beinahe wie du – damals. Ein wehmütiges Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht. Damals ist mein liebstes Wort. Vor allem in Bezug auf dich. Damals, als wir im strömenden Regen durch Maisfelder gerannt sind. Damals, als wir im Sommer nächtelang auf einer Bank gesessen und die Zeit stillstehen ließen. Damals, als unsere Gedanken im Gleichklang tropften und wir glaubten, wir wären für immer.

Ein schwarzes Auto rast an mir vorbei und verliert sich kurz darauf in der Gischt der regennassen Fahrbahn und dem Zwielicht der bereits fortgeschrittenen Dämmerung. Und wieder, kaum da, auch schon wieder vorbei. Ich schließe die Augen. Das Schlimmste an Abschieden ist weder der Abschied an sich, noch die Leere danach. Wirklich unerträglich ist die Zeitspanne davor, das »Zwischen-Heute-und-Gestern-Schweben«. Hier und Jetzt ist beinahe mehr, als ich ertragen kann.

Mittlerweile liegt die Straße vor mir in kompletter Dunkelheit, abgesehen vom trüben Scheinwerferlicht, das sich hartnäckig seinen Weg durch die unversöhnliche Nacht bahnt. Meine Fingernägel bohren sich in das starre Leder des Lenkrads. Musik von damals, eben noch leicht scheppernd aus den Boxen des schon etwas in die Jahre geratenen Autos entwichen, verstummt. Jedes Mixtape hat ein Ende. Und auch wenn man es mit einem Knopfdruck scheinbar wieder zum Leben erwecken kann, dasselbe, was man soeben gehört hat, wird man nie wieder hören. Wer auch immer irgendwann einmal herumerzählt hat, dass es so etwas wie Wiederholung gibt, ist ein Lügner. Und ein ziemlich dreister dazu.

Ich drücke auf Stop, ohne die Augen vom fliehenden Lichtkegel auf der Straße vor mir abzuwenden. Meter für Meter ohne Erbarmen dem Ziel entgegen, vor dem ich am liebsten flüchten würde. Könnte ich ja tun. Aufs Bremspedal treten, das Lenkrad herumreißen und zurückfahren. Theoretisch möglich, praktisch kennt »Zwischen-Heute-und-GesternSchweben« kein Zurück. One Way Ticket. Und so blinzle ich jegliche Fluchtpläne aus meinen Gedanken und fahre weiter durch die Nacht, die mit jeder Minute dunkler zu werden scheint.

Als ich in eine Wohnstraße einbiege und vor dem einzigen Haus halte, hinter dessen Fenstern noch Licht brennt, regnet es noch immer. Ich drehe meinen Kopf, der den größten Teil der Fahrt über starr auf das, was vor uns lag, gerichtet war, zu dir. Was bleibt zu sagen? Als ich merke, wie dein Blick durch mich hindurch ins Leere geht, lege ich meine Hände, die eben noch das Lenkrad umklammert hielten, in den Schoss und bleibe stumm.

Du öffnest die Beifahrertür, steigst wortlos aus. Die Tür fällt hinter dir ins Schloss und als dich die Nacht mit einem Mal verschluckt, atme ich auf. Der Regen prasselt geduldig aufs Autodach und hört sich beinahe gleich an wie noch einige Minuten zuvor. Aber eben nur beinahe. Ich greife nach dem Mixtape, werfe es nach hinten auf die Rückbank und schalte das Radio ein. Der Motor startet mühelos und ich fahre los, dieses Mal ohne Ziel.

Und als scheinbar wieder nichts als eine trüb beleuchtete und endlos scheinende Straße vor mir liegt, die Regentropfen sich unnachgiebig ihren Weg über die Frontscheibe bahnen und die Welt an mir vorüber zieht, ist heute gestern, vorher ist damals und ich bin nur noch ich.