»Eben erst noch«

Das Glas in meiner Hand wechselt seine Farbe von »jetzt« zu »eben erst noch«. Dazwischen mischt sich mit jedem plötzlichen Aufblitzen von Wirklichkeit die Ahnung vom genauen Gegenteil.

Was mir aus jenem halbleeren Glas entgegenblickt, in welchem sich vergorene Beeren mit Wasser und einer Scheibe Zitrone den kreisrund vorhandenen Platz streitig macht, sieht ebenso leer aus wie mehr. Wie auch immer das sein kann.

Die Musik wird stetig lauter, auf eine subtile Art und Weise, sodass es kaum auffällt, wenn man nicht dasteht wie ich – an eine tatsächlich zu existieren vorgebende Wand gelehnt, die mit dunkelgrauem Teppich bezogen ist. Fast so als hatte sie auf ein Dasein als Boden gehofft und die Wette knapp verloren.

Um mich herum findet all das gleichzeitig statt. Mein Blick bleibt haften. An Bewegungen, tanzenden Körpern, kurzen Augenblicken von Da- und auch schon wieder Vorbeisein.

All das Ein- und Gemeinsame, in Bewegung übersetzte Dringliche neben leichtfüssig zertanzter Belanglosigkeit – manches zieht mich zu sich, anderes stösst mich ab. Alles rührt mich an. Und doch bleibe ich aussen vor.

Mein Blick schweift durch den Raum, einmal im Kreis und zuverlässig an all jenem vorbei, was hier und jetzt zu unbequem wäre oder zu viele Schatten zu werfen vermöge. Ich beginne zu ahnen, was andere Abend für Abend aufs Neue raus aus der hausgemachten Stille und hinein ins abgedunkelte Vergessen treibt.

Das Licht fährt hoch und ist ganz einfach da – wie eine Begegnung, die man weder erwartet noch herbeigesehnt hatte. Es gibt sie, jene Sekunden in Minuten in Stunden in Tagen, da die plötzliche Abwesenheit von Dunkel mehr Angst auszulösen vermag als man von ihrem Anhalten erwartet.

Die Tanzfläche vor mir leert sich und mit ihr das Glas in meiner Hand. Ich blinzle und sehe mich um, blicke in müde, ernüchterte, auf halbem Weg nach draussen an die frische Nachtluft vergessene Gesichter.

Aus Ein- und Gemeinsamem ist etwas anderes geworden, von jetzt auf gleich, ohne die kleinste Vorwarnung. Ein Wimpernschlag, zwei und ich bin mir nicht sicher, wie viel Zeit dazwischen verstrichen ist, sich auf den Weg und heimlich davongemacht hat.

Mit einem Mal wischt jemand Zigarettenstummel, leere Plastikbecher und achtlos liegen gelassene Träume vor meinen Füssen zu einem schmutzigen Haufen zusammen.

Ich schliesse die Augen und erinnere mich an Zeiten, da ich hier spätnachts müde aber bestimmt den Besen zwischen Treppenstufen, Ecken, Kanten und Füssen hin und her manövriert hatte. An Zeiten, in denen es mir für einmal vorkam, als würde mehr sein als fehlen. Ich muss lächeln.

Vergangenes kann sich weit weg und nah zugleich anfühlen. So wie man selbst sich in manchen Situationen mittendrin und trotzdem nicht wirklich da wähnt.

Ich stosse mich von der Wand ab, mit der ich im Laufe der vergangenen zwei Stunden zeitweise beinahe eins zu werden geglaubt hatte und setze einen Fuss vor den anderen in Richtung Ausgang. In Richtung Zukunft.

Bevor ich den Raum und mit ihm ein imaginäres Bühnenbild verlasse, das mehr Erinnerung als Wirklichkeit zu sein scheint, drehe ich mich um und lasse es noch einmal auf mich wirken. Jenes eigenwillige Gefühl, wenn jetzt und damals zu verschwimmen scheinen und man für einen kurzen Augenblick nicht sicher ist, ob Zeit tatsächlich existiert.

Ich sehe mich da und weit weg sein, mich gemein- und einsam fühlen, erkennen und vergessen, erleben und erinnern, ankommen und verlassen. Diesen Ort, diese Stunden, Tage und Jahre, die mir einst so etwas wie Heimat waren.

»Eben erst noch« – in einem anderen Leben.