Fragen ohne Antworten ohne Fragen

Sanft aber stetig wie Nieselregen legt sich der Tag über alles Gestrige, das Davor, das Nicht Mehr. Ich sitze auf jener Bank am Busbahnhof, auf der wir einst saßen, nebeneinander wie Spatzen auf dem Dach. Erst schüchtern, dann immer bequemer und irgendwann wie selbstverständlich. Da saßen wir und diskutierten über die eigentliche Unmöglichkeit des Lebens, während jenes mit jedem abfahrenden Bus lauter an uns vorbeirauschte und nicht viel mehr hinterließ als Fragen. Unfassbar viele offene Fragen, die sich wohl niemand zuvor je gestellt hat, denn sonst wäre da auch die eine oder andere mögliche Antwort, nicht wahr?

Im Hier und Jetzt zumindest ist weit und breit nichts davon zu sehen. Und damit meine ich Antworten ebenso wie dich. Auch sonst gibt es nicht viel zu sehen am heutigen Mittwoch, der sich schwer tut, real zu werden und behäbig vor sich hinträumt. Fast so als wäre er irgendein regnerischer Sonntag im November, den man von der Bettkante her mit verschlafenem Blick mal eben knapp begrüßt.

Aus dem Nieseln von eben ist richtiger Regen geworden. Während ich überlege, wie man eine Gleichung mit mehreren Unbekannten löst, fährt mein Bus ein. Was würde ich wohl mit all der freien Zeit anfangen, würde ich nicht andauernd an dich denken? Ob ich hier auf dieser Bank sitze und auf den Bus warte oder zum gefühlt fünfzigsten Mal deine letzte SMS an mich lese. Ob ich an deinem Häuserblock vorbeilaufe oder nachts aus meinem eigenen Fenster auf die spärlich beleuchtete Gasse blicke, ob ich lache oder heule, mit Freunden biertrinkend auf irgendeinem Balkon sitze oder alleine vor dem Fernseher in Selbstmitleid versinke.

Was habe ich eigentlich gemacht, als da noch kein an dich und die Zeit mit dir denken war, weil es dich nicht gab in meinem Jetzt und Hier? Vermutlich habe ich an irgendetwas oder jemand anderen gedacht. Das Schlimme ist, ich kann mich nicht mehr erinnern. Woran ich gedacht habe und an die Zeit davor an sich. Das sollte mir wohl Sorgen machen, aber der Tag hat zu bleiern begonnen und so lehne ich mich auf meinem Sitzplatz im Bus zurück und schließe die Augen.

Hätten wir bloß die eine oder andere Antwort gefunden damals, als wir irgendwann wie selbstverständlich nebeneinander auf jener Bank saßen, während das Leben mit jedem abfahrenden Fahrzeug lauter an uns vorbeirauschte und nicht viel mehr hinterließ als offene Fragen. Die eine oder andere Antwort darauf, was man mit der eigentlichen    Unmöglichkeit des Lebens anfangen soll. Wie es sein kann, dass da ab und an Fragen sind, aber keine Antworten und dann wieder Antworten ohne dazugehörige Fragen. Und allem voran, was ich mit all der Zeit anfangen soll, wenn ich irgendwann aufhöre, an dich zu denken.