Fraglos trotz allem

Eben auf dem Nachhauseweg begegnete ich deinen ehemaligen Nachbarn. Wir grüßten uns knapp und gingen weiter in Richtung unseres je eigenen Lebens. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich mich gesammelt und ein erst bloß erahntes, dann immer klareres Bild von dir in meinen Gedanken entstand. Da warst du auf einmal wieder, in einer knallbunten Abfolge von Erinnerungen an alles, was uns einst verband. Da sind eine ganze Reihe an Jahren in Folge, die ich nicht erzählen könnte, ohne in jedem zweiten Satz deinen Namen zu nennen. Du warst ein Teil meines Alltags, meines Bewusst- und Daseins, unsere Lebenslinien waren ineinander verflochten, ebenso wie unser Blick in die Zukunft.

Woher die immer lauter werdende Stille und Enttäuschung kam, die uns irgendwann erst unmerklich, dann immer offensichtlicher voneinander loszulösen vermochte – ich weiß es nicht. Nicht in mehr (Nicht-) Farbe, als deren zwei: Schwarz und Weiß. Hin und wieder fühlt sich so manches Vergangene nur noch zweidimensional an, allerhöchstens. Im Nachhinein scheint es, als standen wir da wie zwei Statisten im Film, die stirnrunzelnd eine wirklich miese Storyline verfolgen, ohne im größeren Stil darauf Einfluss nehmen zu können.

Während die Erinnerungen wie wahllos aneinandergereihte Werbespots vor meinem geistigen Auge ablaufen, frage ich mich im Stillen, wo all das in den letzten Wochen, Monaten und Jahren wohl gewesen sein mag – und du mit ihm. Ich stehe morgens auf, gehe zur Arbeit, treffe Menschen, erlebe dies und das, fürchte, frage, sehne mich, all das ohne dich. Dein Platz in meiner alltäglichen Wahrnehmung ist soweit verblasst, dass ich mir dein Gesicht, deine Stimme, Gestik und Mimik nicht auf Anhieb in Erinnerung zu rufen vermag.

Wer hätte das für möglich gehalten? Ich mit Sicherheit nicht. Der Stich, den mir diese Erkenntnis versetzt, ist echt. In Augenblicken wie diesem und mit ein wenig Anstrengung sehe und spüre ich dich nichtsdestotrotz auf einmal wieder deutlich, erinnere uns in allen möglichen Farben und Formen. Und mir wird bewusst: Auch wenn du nicht mehr hier und in meinem Leben bist, bleibst du da – wort- bis farblos hin und wieder, gedankenlos bisweilen, fraglos trotz allem.