Gut gespielt

Wenn andere mich fragen, sage ich, ich denke nicht mehr an dich. Nie. Das ist gelogen. Lügen dieser Art beherrsche ich gut. Vermutlich, da es ein wenig so ist, als spielte man ein Spiel, bei dem man sich sicher ist, gewinnen zu können. Wenn andere mich fragen, sage ich, ich vermisse dich nicht. Nicht mehr. Auch das ist gelogen. Was passiert eigentlich mit der Wahrheit, wenn man lügt? Existieren Lügen erst, sobald sie sich formen oder bereits lange davor? Wenn andere mich fragen, sage ich, du seist mir egal. Ganz und gar. Gelogen zum Dritten, wie gesagt, darin bin ich gut. Wäre ich es nicht, es gäbe so viel, worüber man reden und nachdenken, das man erklären und vor allem fühlen müsste. Und wer will das schon? Ich nicht. Nicht jetzt und nicht hier.

Dass sich mit Lügen bloß das Reden und Erklären zur Seite wischen lässt, wie vom Frühstück liegengebliebene Brotkrümel, nicht aber das Nachdenken und noch weniger das Fühlen – natürlich weiß ich das. Und selbst wenn ich es nicht wüsste, erlebte ich es dennoch Tag für Tag.

Dann, wenn ich nachts hellwach im Bett liege und versuche, mir deine Augenfarbe in Erinnerung zu rufen, die Art wie du gehst, den Klang deiner Stimme. Wenn ich nicht aufhören kann, darüber nachzudenken, was vielleicht hätte sein können, wäre alles anders gewesen und mir bewusst wird, wie leid ich es bin, Nacht für Nacht dazuliegen und nachzudenken.

Wenn ich morgens mit einem Kaffebecher in der Hand zur Arbeit fahre und es vermisse, dass wir den ersten Kaffee des Tages früher immer gemeinsam getrunken haben. Wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und den Mann, der vor mir wartet, beobachte, wie er seine Einkäufe auf das Rollband legt. Er trägt die gleichen Schuhe wie du. Ich vermisse es, diese Schuhe abends vor meiner Wohnungstüre stehen zu wissen.

Wenn ich mit Freunden in einer Bar sitze, sie reihum betrachte und dabei lächle, während alles, was mir einfällt, ist, dass sie nett sind und liebenswürdig, aber nun mal nicht du. Wenn ich mich auf die Toilette verabschiede um zu heulen, weil mir bewusst wird, dass ihr Hiersein dein Fehlen nicht wettzumachen vermag. Wenn ich wieder zurück zum Tisch gehe und mir die Verzweiflung im Laufschritt folgt, weil ich nicht weiß, ob sich das jemals wieder ändern wird.

Was passiert eigentlich mit der Wahrheit, wenn man lügt? Sie spielt das Spiel mit – und verdammt, sie spielt gut. Es fühlt sich an, als spielte sie gegen mich.