»Herzlich egal«

Eines würde ich dir gerne noch sagen. Die knappen zwei Sekunden, in denen wir glücklich waren… in jenen gefühlten zwei Sekunden habe ich mich so »echt« gefühlt wie nie zuvor und seither niemals wieder. Dir das hier und jetzt mal eben zu sagen, ist ein Scheißgefühl. Weil ich es nicht einmal wirklich sage, sondern bloß schreibe. Weil du nicht einmal fünfzehn Sekunden für mich und jene paar Worte übrig hast, die mir den Schädel zerspringen lassen, wenn ich sie nicht loswerde.

Dir ist das egal. »Herzlich egal«, hast du mir ausrichten lassen. Dass eine Formulierung wie diese ziemlich paradox ist, weiß du bestimmt. Auch das ist dir egal. Herzlich. Mit Sternchen. Und ich komme mir vor wie der dümmste Mensch auf dem Planeten Erde. Mit Abstand. Weil ich noch immer nicht weiß, geschweige denn verstehe, wieso ich und alles, was mit mir zu tun hat, dir auf einmal so herzlich egal ist. Ich könnte an dieser Stelle pantomimisch darstellen, wie weh es tat, als du das damals aussprachst – gewehrsalvengleich – und wie es mich in Sekundenschnelle niederstreckte. Aber ich mag keine Pantomime.

Ich könnte wieder anfangen zu heulen. Aber nichts anderes tue ich seit Tagen. Ich könnte noch einmal versuchen, dich anzurufen und du könntest wieder nicht abheben. Ich könnte dir die elfte SMS schreiben und sie ins »Nirwana der im endlosen Nichts toter Beziehungen leise verhallenden Textnachrichten« senden. Eben, wozu denn auch.

Ich weiß, ich erreiche dich nicht mehr. Und so wird auch dieser Brief an dich zerrissen, sobald ich für mich selbst ein Ende des finalen Satzes auf der letzten Zeile jener Art Verzweiflung finde, die ich so bisher nicht kannte. Verzweiflung, die erst brennt in der Brust und einen dann ebenso sang- wie klanglos aushöhlt. Sie verzieht dabei keine Miene.

Die anderen sagen, »das wird schon« und »Kopf hoch« und obwohl ich weiß, dass sie irgendwo in der Zukunft vielleicht sogar recht haben und es im Hier und Jetzt nur gut meinen, stelle ich mir in einem kurzen Nebensatz vor, wie ihre nett labernden Köpfe abheben und in einem bunten Feuerwerk hoch oben am Himmel detonieren. Ach. Lasst. mich. doch. alle. in. Ruhe. Aber was schreibe ich das ausgerechnet dir? Du bist schließlich der Grund für den ganzen Schlamassel, in dem ich hier sitze. Ich weiß, dir ist das herzlich egal. Vielleicht gebe ich dir deshalb die Schuld. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass man Gefühle nicht steuern kann. Habe ich oft probiert. Zum Beispiel jetzt, in diesem Moment. »Hoffnungsvoll sein, nach vorne schauen, vergessen…« – nö, stimmt. Klappt nicht.

Ich glaube, es gibt wenig Schlimmeres, als jemandem egal zu sein, der einem selbst ganz und gar nicht egal ist. Und auch für den Fall, dass du bloß so tust. Du tust es verdammt überzeugend. Ebenso verdammt weh tut es denn auch. Aber da ich schon wieder viel zu viele Fluchworte verwende und meine Scheißtränen den Scheißrotwein vor mir langsam aber sicher scheißunschön verwässern, mache ich hier besser Schluss.

Nein, das hast du ja bereits getan. Ich könnte anmerken, wie herzlich egal mir das ist, aber wir beide wüssten, wie schlecht gelogen das wäre. Ich mag keine schlechten Lügner. Umso mehr mag ich gute Küsser und den Duft von Sommerregen. Ist dir doch egal. Nur noch eins: Die knappen zwei Sekunden, in denen wir glücklich waren oder zumindest ich, erinnerst du dich? Ich kann sie noch immer schmecken, auf der Herzlinie entlang meiner Zunge, falls es so etwas überhaupt gibt. Und auch falls nicht – egal werden sie mir ziemlich sicher niemals sein.