Ich glaube, ich kann auch anders

Ich kann dasitzen und zuhören, dabei
zwischen Zeilen tanzende Silben auffangen wie
Sterne mit meinem Blick, während ich in den
Nachthimmel schaue und mir bewusst wird,
wie frei – da ohne Punkt und Komma – wir sind.

Ich kann den Blick abwenden und meine Augen
schliessen, im Wunsch, einen größeren
Zusammenhang erahnen zu können, bloß das.
In Ansätzen verstehen kommt vielleicht später…
ungleich wahrscheinlicher auch nie.

Ich kann die Augen so lange geschlossen halten,
bis kaum noch etwas übrig ist von all den Silben,
Worten und Phrasen, bis sich das eben Gesagte
in tröstender Stille und nach und nach tonlos
voranschreitendem Vergessen aufgelöst hat.

Ich kann meine Gefühle so lange zerpflücken
und in kleine, ungleichförmige Schnipsel zerrupfen,
bis ich sie irgendwann nicht mehr als solche
erkenne und allen Ernstes meine, Denkarten
und Überzeugungen vor mir zu haben.

Ja, ich kann darüber schreiben, wie es ist,
dazusitzen und zuzuhören, meine Augen solange
zu schließen, bis nur noch Gefühle übrig sind,
denen ich ähnlich verbissen zu Leibe rücke
wie andere dem Unkraut in ihren Vorgärten.

Bloss, wozu? Womöglich löst sich am Ende nur
wenig tatsächlich in tonlos voranschreitendem
Vergessen auf oder wird zu etwas anderem,
wenn man nur lange genug dasitzt und geduldig
die Augen (davor ver-)schließt.

Ich glaube, ich kann auch anders. Ohne Punkt
und Komma, geschweige denn dem Ansatz
einer Ahnung. Dafür mit offenen Augen und
haufenweise emotionalem Unkraut im Vorgarten.
Unkraut, das im Frühling blüht.