Im Nachhinein

Im Nachhinein ist man sich manchmal nicht sicher, was man eigentlich mehr vermisst – die Person an sich oder das Gefühl, das man mit ihr verband, um sie herum wand, ihretwegen empfand. Damals, als man noch etwas mit- und füreinander fühlte. Etwas anderes, als all die feinen Schattierungen von Traurigkeit bis hin zu Melancholie, heiß lodernde Wutfeuer oder hin und wieder gar Hass. Etwas Schöneres, etwas in Farbe und mit Ton.

Im Nachhinein ist man sich hin und wieder nicht einmal mehr sicher, ob man wirklich geliebt hat, damals. Ob tatsächlich irgendetwas, das als aufrichtige Liebe durchgehen mochte, die Triebfeder jener Beziehung darstellte, oder ob man schlicht so vernarrt war in das elektrisierende Kribbeln (am Anfang), das lauwarme Gefühl der Geborgenheit (danach) und in das Nicht-Allein-Sein (am Schluss).

Im Nachhinein ist man sich von Zeit zu Zeit nicht sicher, um wen oder was es in der Hauptsache eigentlich ging, bei dieser Sache damals, die in einem Fiasko endete, statt in hoffnungsfrohem »für immer und ewig«. Um ihn oder sie und so etwas wie Liebe für jene Person, um ein »Wir« oder nicht vielleicht doch immer auch um den steten Beweis der eigenen Liebenswürdigkeit?

Im Nachhinein ist man sich ab und an über so vieles, was halboffen im »Damals« liegt, gar nicht mehr wirklich sicher. Erinnerungen ändern ihre Farben und Formen nach Gutdünken und machen sich nach und nach müde daran, zu verblassen. Der einst rosarote Nebel klärt sich wie verdunstender Morgentau und Madame Ratio meldet sich immer lauter zu Wort. »Ach bitte, das war doch gar keine Liebe, war es nie!«

Im Nachhinein wird einem in stillen Momenten aber auch bewusst, dass es im Grunde keine Rolle spielt, als was Vergangenes im emotionalen Rückspiegel heute noch durchzugehen vermag oder nicht.

»Damals fühlte ich so und so und die Dinge schienen mir wahr.« Das ist doch okay. Macht es uns tatsächlich zufriedener, Gewesenes im Nachhinein ach so neunmalklug vor uns selbst zu demontieren, frage ich mich derweil. Ich glaube nicht.

Ein mir nahestehender Mensch meinte einst, ich würde erst so etwas wie »Frieden« mit vergangenen Beziehungen finden, wenn ich damit aufhöre, mich rückwirkend noch ewig und drei Tage lang in Gram und Reue darüber zu suhlen. Vermutlich hat er recht. Und so meine ich, auch wenn ich selbst nur allzu gut über noch nach Jahren erneut aufreißende Wunden und schlecht verheilende Narben Bescheid weiß:

Lasst uns stolz sein auf alle »großen« Emotionen von damals, die kopflosen Verliebtheiten und pinkgetönten Herzquerelen. Was gewesen ist, war einmal und hatte vielleicht ja sogar einen, auf jede und jeden von uns eigens zugeschnittenen Sinn. Denn es hat uns ganz nebenbei zu den Menschen gemacht, die wir heute sind. Und, meine Damen und Herren, ich denke, das ist gut so.