Immer wenn

»Oh, das ist lange her…«, höre ich mich sagen, wenn jemand nach dir fragt. Natürlich fragen die Leute nicht konkret nach dir, sondern danach, ob mir je das Herz gebrochen wurde. So richtig, mit Scherben, Verzweiflung und dem Gefühl, nichts werde wieder gut oder auch nur halbwegs okay.

»Oh, das ist lange her… Während man es erlebt, kann man sich nicht vorstellen, dass man da je in einem Stück wieder herauskommt. Aber in den meisten Fällen ist es so. Die einzelnen Teile des eigenen Ganzen haben sich zwar versetzt, verschoben und neu zusammengefunden, aber irgendwann steht man wieder da und kann tatsächlich frei atmen.«

Ich lüge nicht, wenn ich das so sage, auch wenn ich dich in manchen Momenten noch immer vermisse. Immer wenn ich diesen einen Song höre, wenn ich abends in einer Bar Gin Tonic trinke oder mir im Kino einen Schwarz-Weiß-Film ansehe. Wenn im Frühjahr die Apfelbäume blühen, wenn im November der erste Schnee fällt. Immer wenn ich mich traue, auf eine Leiter zu steigen, denn davon hätte ich dir früher sofort erzählt.

Es ist kein reißendes Vermissen mehr. Kein Sehnen, das so heftig zieht und zerrt, dass es mir körperliche Schmerzen bereitet. Es fühlt sich eher an wie jener kurze Stich im Herzen, wenn man auf etwas (nichts Weltbewegendes) gehofft und es im Grunde erwartet hat, es dann aber nicht eintritt. Nein, da ist nichts Aufreibendes mehr am dich Vermissen. Meist schließe ich kurz die Augen, wenn ich es anklopfen fühle und lasse es herein. Es bleibt selten länger. Irgendwie wirkt es immer rastloser, fahriger.

Hin und wieder macht mich das traurig. Vielleicht, da ich Angst habe, dass ich, wenn ich dich irgendwann gar nicht mehr vermisse, nach und nach aufhöre, mich an dich zu erinnern. Mit einem letzten Rest Liebe im Abgang, meine ich. Vielleicht rührt der Anflug von Traurigkeit auch daher, dass ich Abschiede im Allgemeinen nicht mag. Noch ist es ja nicht soweit. Noch halten jene gelegentlichen kleinen Stiche in der Herzgegend, die mich in manchen Situationen überraschen und die ich in wiederum anderen bereits wohlwissend erwarte, die Erinnerung am Leben.

»Oh, das ist lange her… ich erinnere mich, immer mal wieder. Frei atmend – mit einem leisen Hauch Liebe im Abgang.«