Lachst du mit?

Du fragtest, ob wir mal einen Kaffee trinken gehen wollen oder ein Bier oder auch zwei und ein wenig reden, über dies und das. Ich antwortete, eigentlich gerne aber ach, die Zeit, ich hätte zurzeit leider nichts weniger als Zeit. Für einen Kaffee oder ein Bier, geschweige denn zwei und um ein wenig zu reden, über dies und das.

Ich sagte mir im Stillen, es sei gut so und einfach. Allemal einfacher, der durchgebrannten, mal eben davongerannten Zeit die Schuld in die Schuhe zu schieben, statt ehrlich zu sein und zuzugeben, dass ich zu viel Angst habe. Vor Kaffee oder Bier und erst recht davor, ein wenig zu reden. Mit dir oder irgendwem sonst. Dass es Tage, Wochen bis Monate gibt, da man mich kaum sieht oder hört, nur liest, wenn überhaupt. Tage, Wochen und Monate, in denen alles, was meine alltägliche, bis hin zu japsender Schnappatmung festgezurrte Routine durchbricht, übelkeitserregende Wellen aus Angst und Sorge nach sich zieht. Wellen, die sich am immer selben Punkt zerschlagen, in trotzige Bäche zerfließen und mir den Rücken hoch bis unter die Hirnrinde kriechen, von wo aus sich ihnen nichts und niemand mehr entgegenstellt. Da ist dann nur noch Panik, die lauthals wütet, tobt und mich in die Knie zwingt. Immer wieder.

Eine zufällige Begegnung hier, ein Anruf von unbekannt da, ein Sitznachbar im Tram, der seine Zeitung irgendwie komisch hält – all das vermag mich nachhaltig zu erschrecken, zutiefst zu beunruhigen. Das morgendliche Überhören des Weckers, eine eigenartig geformte Kartoffel in der Auslage im Supermarkt, Gedanken daran, dass ich irgendwann aufhören werde zu denken und die paradoxe Dualität von Sehnen und Fürchten, die darin liegt. Der monotone Klang gurrender Tauben, ihr hektischer Blick. Die Tatsache, dass ich auch mit der allergrößten Willensanstrengung nicht verhindern kann, dass es zurzeit jeden Tag so früh dunkel und traurig wird. Die Gewissheit, dass jene, die ich liebe, sterben werden. Deine eigentlich harmlos angedachte Frage nach einem Kaffee, einem Bier oder auch zwei und einem Gespräch über dies und das. All das Reden und Schweigen, die aufmunternd bis ernsten Blicke ängstigen mich sehr in Zeiten, da ich weder gehört, noch gesehen oder überhaupt wahrgenommen werden will.

Es vergehen Tage, Wochen und Monate, da mich die Furcht vor all den Menschen, Zuständen und Dingen um mich herum beinahe um den Verstand bringt. Da ich mir nichts weiter wünsche, als dass die Zeit zwei, drei Takte langsamer vergeht und in ein leises, stetiges Summen verfällt. Ein flüsterndes Summen, das mich in einen Zustand wiegt, der sich ähnlich anfühlt wie der innere Frieden und das Gefühl der Geborgenheit von früher, als einen die Eltern in den Schlaf gesungen haben.

Diese überlaute Welt und das unaufhörlich dahinrinnende Leben in ihr kann so beängstigend sein. Warum hat mir das niemand vorher gesagt? Ziemlich beängstigend kann es sein, wenn mir jedes Mal kurz der Atem aussetzt, wenn jemand im Vorbeigehen meinen Unterarm streift. Wenn mir das Lächeln der Kassiererin im Supermarkt Tränen in die Augen treibt und ich mich frage, ob ich mich je zuvor so einsam gefühlt habe. Wenn eben jene Einsamkeit der einzige Zustand ist, vor dem ich mich weniger fürchte als vor dem der Zwei- oder Mehrsamkeit und all den unlösbaren Rätseln, die diese mit sich zu bringen pflegt. Dann wird deine Frage zu einer Hürde, die mir meilenhoch scheint, während andere am Wegrand sitzen und lachen. Weil sie es nicht verstehen.

Lachst du mit? Oder gehörst du zu jenen, denen Geduld und Akzeptanz im Nichtverstehen mit in die Wiege gelegt wurde? Zu jenen manchen, denen ich zeitlebens dankbar sein werde? Für die mal eben geschenkte Zuversicht auf einen Kaffee oder ein Bier oder auch zwei und ein Gespräch im beruhigend nachtblauen irgendwann Später. Für die sich in eben jener Zuversicht spiegelnde Chance auf Tage, Wochen bis Monate fernab der Angst. Oder zumindest in etwas mehr als Sicht- und Hörweite entfernt.

Weil auf Tage, Wochen und Monate des sich Versteckens und Wegduckens auch Ebbe folgen kann und so etwas wie, sagen wir doch einfach Hoffnung dazu. Zeiten, in denen sich das eigene Herz sicherer wähnt und randvoll mit Mut für Kaffee, Bier und Gespräche über dies und das – um tatsächlich gehört und beinahe gerne gesehen zu werden.