Mehr und mehr

Im schalen Lichte all der scheinbar ungelebten Tage und vermeintlich verpassten Momente verzweifeln die einen und wachsen die anderen. »Entwachsen« müsste es vielleicht besser heißen. Der Illusion, dass Quantität zählt, je gezählt hat im Leben. In welcher Hinsicht auch immer.

Wann hat die reine Menge an etwas uns je zufrieden gemacht, so richtig, meine ich? Von zu vielen Bonbons wird einem schlecht, auch das allerliebste Lieblingslied fängt nach tagelangem Endlos-Repeat irgendwann an zu nerven und was genau habe ich eigentlich von 428 virtuellen Facebook-Buddies, was ich an ein bis zwei echten Freunden nicht genug habe?

Wie oft kotzt es mich an, dieses elende mehr, mehr, mehr, höher, schneller, weiter und doch erliege ich ihm immer wieder. Ob »zwei für eins« oder noch ein weiteres Stück Kuchen, obwohl die ersten Bissen mit Abstand die besten waren. Ob nun die Freude über ein paar Likes mehr, eine größere Wohnung (mit Balkon und Echtholzparkett, bitte) oder gleich der Traum vom ganz großen Glück. Im Grunde wollen wir alle mehr, immerfort und immerzu. Mehr Freude, mehr Glück, mehr Geld, mehr Status, mehr Leben, mehr Liebe. Wer könnte es uns verübeln. Vielleicht ist das stete »mehr Wollen«, unser fortwährendes »Streben« an sich auch gar nicht das Problem.

Das wahre Problem, falls wir denn eines haben, liegt vermutlich eher darin, dass wir das (oft nur) auf den ersten Blick »Kleine« und »Geringe« auf dem Weg zum ganz »Großen« und »Zahlreichen« Stück für Stück aus den Augen verlieren. Ich meine damit all die kleinen Freuden des Alltags, all das unfassbar Schöne, das uns immerfort begegnet. Auf kleinem Fuß, neben der Spur, überraschend oder gar unter der Hand. Jeden Tag übe ich mich darin, all das zu sehen, zu spüren, zu leben. War nicht der Weg einst das Ziel? Ach, was weiß ich.

Alles was ich weiß, ist, dass ich lieber ein Leben lang etwas probiere, statt mich vorschnell zu begnügen mit Wegen, die sich so einfach wie gleichermaßen nicht richtig anfühlen.In diesem Sinne und Schritt für Schritt: Auf zu den Nebenschauplätzen dieses Lebens. Mein Gefühl sagt mir, dass dort große Magie im Kleinen und wahrer, weil ungeschminkter Zauber wohnt.