Sie sind alle noch da, die Farben

Es war keine ruhige Nacht. Keine, die einen in Dunkelheit und Schlaf hüllt und nach den Stunden, die ihr zusteht, sanft in einen neuen Tag entlässt. Einmal mehr nicht. Ich drehte mich von hier nach da, von jetzt nach gleich, von Wach nach Weh und taumelte schlaflos und resigniert dem Morgen entgegen.

Nun sitze ich am offenen Fenster und atme nasskalte Januarluft ein, in die sich etwas anderes mischt. Ich bilde mir ein, es sei der Duft von Gänseblümchen, sprießenden Blätterknospen und leiser Hoffnung, die aus den ebenfalls offenstehenden Fenstern der gegenüberliegenden Häuserzeile zu mir herüberweht. Ich höre ganz nah die Kirchenglocken läuten und blicke mit abwesendem Blick auf den graugetönten Tag, der vor meinen Augen nach und nach wird, was er sein mag.

Mein Telefon klingelt, ich greife danach und schließe die Augen. Am anderen Ende der Leitung wartet deine Stimme auf mich, ich spüre ein sanftes Kribbeln im Nacken. Du wünschst mir einen guten Morgen, fragst, ob ich gut geschlafen habe und wie es mir geht. Ich erzähle, stocke, seufze, schweige irgendwann. Du versprichst mir, dass das Grau um mich herum und in mir drin aus mehr Farben gemischt wurde, als ich mir vorstellen kann. Du küsst mich mit deinen Worten und dem Klang deiner Stimme in Richtung von so etwas wie Mut, aufzustehen, in die Küche zu gehen und Kaffee zu kochen. Du schaffst das immer wieder – wie niemand sonst. Es fühlt sich an, wie mit einer weichen Decke zugedeckt zu werden und zu spüren, dass alles okay ist, wie es ist. Wie für die Dauer von zwei, drei Atemzügen mit einem Mal mehr Antworten als Fragen zu haben. Wie ein paar unsagbar wertvolle Minuten lang frei durchatmen zu können und ohne Wenn und Aber zu glauben, dass man es (was auch immer) schon irgendwie hinkriegen wird.

Wir verabschieden uns. Ich lege das Telefon auf das Fensterbrett, stehe auf, ziehe meinen Pijama aus und eine frische Bluse sowie die Jeans an, die ich gestern vor dem Zubettgehen achtlos in eine Ecke des Schlafzimmers geworfen hatte und schlurfe in die Küche, um Kaffee zu kochen. Obwohl mir das Licht hier so gar nicht gefällt, weil es schal schmeckt und keinerlei Farbe in sich zu tragen scheint. Während mein Blick durch die ungeputzten Fensterscheiben nach draußen schweift und sich in der farblichen Eintönigkeit des Himmels über mir verliert, erinnere ich mich an deine Stimme und die Worte, die sie mir in Ohr und Herz legte und muss lächeln.

Aus einem kunterbunten Malkasten voller Farben ausgebleichtes Januarregengrau hinbekommen – das muss man erst einmal hinkriegen. Ich mische in Gedanken Rot mit wenig Gelb und einem Hauch Weiß und ein sattes Apricot strahlt mich an. Ich werfe Blau hinterher, noch etwas Rot und helle das Ganze zum Schluss mit mehr Weiß auf…

»Das Grau um dich herum und in dir drin wurde aus mehr Farben gemischt, als du dir vorstellen kannst. Sie sind alle noch da, die Farben – im Grau, das du siehst.«