Trotz aller Furcht

Wenn man Gefühle doch einfach abstreifen könnte wie getragene Kleidung oder die Arme irgendeines Bekannten an einer langweiligen Party am Freitagabend. Ja, wenn man sie bloß abstreifen, weglächeln, weiterwinken könnte. Kann man in aller Regel nicht. Ebenso wenig wie man Kratzer mit purer Willenskraft zum Verschwinden bringen kann, Telefone zum Klingeln oder die Zeit zum Stillstehen.

An den meisten Tagen fühle ich mich haushoch überfordert, mit meinen eigenen und den Emotionen anderer fertig zu werden. Emotionen, die wie verirrte Feuerwerkskörper andauernd von irgendwo her in alle möglichen Richtungen davonschiessen, bis ich mich kopfschüttelnd frage, wie andere das nur machen. In jenen Momenten sitze ich da und frage mich weiter, ob ich jemals Gefühle haben werde, oder sie für immer mich.

Was ich auf jeden Fall habe – oder sie mich – ist Angst. Wildwassergleich strudelnde Angst. Ihr zur Seite steht eine Art von Rastlosigkeit, die mich durch die Tage und Wochen wirbelt. Traurigkeit ist mir ein ungleich lieberes Gefühl, da schwer und warm, unaufgeregt und in seiner Substanz immerhin verlässlich. Ganz anders als Verzweiflung, die mich für gewöhnlich von rechts überholt und mit hundertachtzig Sachen rücksichtslos aus der Spur wirft.

Aber was wäre, könnte man sie tatsächlich abstreifen, die ungemochten Emotionen, all das weniger Schöne, Zwickende, Mahnende, Unbequeme? Was wäre dann wohl noch »echt« und wer wäre man selbst dabei? Ich für meinen Teil glaube nicht daran, dass man die eigenen Emotionen steuern, sich manche verbieten und andere mit Erfolg herbeiwünschen kann. Ich weiß, andere sehen und erleben das anders und ich mag es, darum zu wissen.

Ich glaube, die eigenen Gefühle erstmal nur – und das ist oft viel weniger einfach, als es klingt – zuzulassen, sie neugierig zu betrachten, ihnen die eine oder andere Frage zu stellen und die Antworten auch wirklich hören zu wollen, kann viel bewirken. Wie gut lässt es sich mit etwas leben, vor dem man sich verschließt, noch bevor man sich damit auseinandersetzen, sich gegenseitig genauer in Augenschein nehmen konnte? Wie lernt man mit sich selbst Frieden zu schließen, wenn man ablehnt, was man fühlt, ohne sich zu fragen, was wohl dahinterstecken mag?

Das heißt keineswegs, dass ich »versagt« habe, wenn mich die nächste Panikattacke einholt, wenn ich morgens vor lauter Angst mal wieder nicht weiß, wie ich den Tag angehen soll, wenn ich in über den Rand laufender Traurigkeit über einen Verlust, eine verpasste Chance, oder das Leben an sich zu ertrinken drohe. Und, das ist mir an dieser Stelle unheimlich wichtig, anzumerken: es gibt Phasen im Umgang mit bzw. in der Verarbeitung von Traumata, in denen Hinsehen (noch) nicht möglich ist. Daran ist rein gar nichts verwerflich oder schwach.

Ich erlebe es so, dass da kein Gefühl in mir ist, das mir nicht irgendetwas mitteilen möchte – über mich oder andere, mein Leben, die Zeit. Über die Liebe, Versuch und Irrtum, Hoffnung, Lernen und Vergänglichkeit. Über das Hier und Jetzt, über gestern und später. Deshalb entscheide ich mich Tag für Tag aufs Neue und trotz aller Furcht für den Versuch, zuzuhören und hinzusehen.

Dahin, wo es wehtut oder wo auf den ersten Blick nichts zu sein scheint, wo sich weit verstreute Puzzleteile im Laufe der Zeit langsam zu einer Ahnung von etwas mehr oder auch weniger Verständlichem zusammenfügen. Wegschauen ist nicht immer, nicht zu jeder Zeit, nicht in jeder Situation und nicht für alle die versöhnlichste Lösung.