Von der Angst (sich) zu verlieren

Kennst du die Angst, in abertausend Einzelteile zu zerspringen, von denen du weißt, sie würden nie wieder zusammenfinden? So versuchst du, dich irgendwie beisammen zu halten, als das Du, das im Grunde gar keines sein kann, weil all die einander entgegenstrebenden Einzelstücke schlicht keinen gemeinsamen Nenner finden.

Du merkst erschrocken, wie Tag für Tag einzelne kleine Splitter herausbrechen, kleine Stücke abspringen vom Du, weil es sie in die Ferne zieht, bloß weg von dir und deiner elenden Uneinigkeit. Was bleibt dir anderes, als die abgesprungenen Stellen und ihre scharfkantigen Ränder abzudecken. Mit neuen Schuhen, Pauschalreisen und immer wieder gekünsteltem Lächeln. Natürlich fragst du dich, wie lange noch dir dieses Flickwerk gelingt, bevor es offensichtlich wird, dass du nicht ganz bist, vielleicht nie ganz warst. Tuscheln würde man vermutlich über dich und du würdest noch verzweifelter lächeln und vielleicht sogar eine hübsche Wohnung kaufen, in und hinter der du dich verstecken kannst und deine Wunden lecken – ja, die mit den scharfen Kanten, die mahnen.

Nachts träumst du von jenem Moment irgendwo in der Zukunft, da es zu viele Teilchen sind, die abgesprungen, weggebrochen oder sonstwie getürmt sind. Zu viele, um noch mithalten zu können. Wenn kein Lächeln mehr hilft und keine Farbfotos vom letzten Urlaub, wenn es nur noch dich gibt. Oder das, was davon übrig ist.

»Was dann?« hallt es dumpf grollend nach in deinem Kopf, während du schweißgebadet erwachst und mit zittrigen Fingern an die Stelle über deinem rechten Ohr fasst, die ganz war, erst gestern noch, wo du heute bereits nichts mehr fühlst. Ja, was dann…?