Von Schulterblicken und kalten Füßen

Kennst du das, wenn sich das Leben anfühlt, als bestünde es bloß aus Retrospektiven? Als läge alles, was zählt bereits hinter einem – und was soll denn da bitteschön noch kommen. Nicht? Ich auch nicht. Dass das gelogen ist, wissen wir beide. So tun als ob – noch etwas von so manchem, was ohne jede Frage hinter uns liegt.

Ich denke hin und wieder noch an dich. Jedes Jahr wieder im Frühling, wenn der stattliche Magnolienbaum erblüht, unter dem wir Hand in Hand gesessen und von einer gemeinsamen Zukunft geträumt haben. Immer wenn ich den Deckel einer Bierflasche deiner Lieblingsorte wegschnippe, immer wenn es regnet und immer wenn ich nachts nicht einschlafen kann, weil mir in meinen Gedanken das Leben hämisch grinsend die Füße kitzelt. Meine immerkalten Füße, die ständig unter der Bettdecke hervorschauen. Ich hasse Füße. Du weißt das.

Manchmal frage ich mich, in welchen Situationen du, falls überhaupt, noch an mich denkst. Immer wenn du eine Dose Erbsen mit Karotten öffnest vielleicht? Hin und wieder wenn du diesen einen Song von Joy Division hörst oder wenn du nachts nicht einschlafen kannst?

Vielleicht denkst du auch gar nicht mehr an mich. Gar nicht mehr oder höchstens noch in Form eines Anflugs schemenhaften Erinnerns als natürliche psycho-physische Reaktion auf einen bestimmten Duft, einen Klang oder optischen Reiz. Vielleicht bin ich die Einzige, die sicherinnert. Weil womöglich nur woran man sich erinnert in der Rückschau tatsächlich wahr war, tatsächlich da und nah.

Kennst du das, wenn sich das Leben anfühlt, als bestünde es bloß aus Retrospektiven? Als läge alles, was zählt bereits hinter einem – und was soll denn da bitteschön noch kommen. Nicht? Ich auch nicht. Manchmal fühlt es sich an, als sei die Erinnerung an Vergangenes alles, was in mir wogt und tobt. Alles, was mich ohn- und ausmacht. Als ob ich stets zwei Schritte neben der Spur liefe, ständig aus dem Takt käme, ewig hinter allem herhinkte und mich mit nichts anderem als Schulterblicken aufhielte, chronische Nackenstarre inklusive.

Abgesehen davon ist es auch ganz schön unfair gegenüber jenem, was da vielleicht doch noch alles kommen mag. Ich meine, wer weiß es denn schon? Ich für meinen Teil mit Sicherheit nicht. Ich weiß ja nicht einmal, wie man die eigenen, ewig kalten Füße mit anhaltendem Erfolg unter der Bettdecke und in Gedanken vor dem Leben versteckt.