Von schwarz zu blau

Als ich gestern Abend zu Bett ging, war es ausgesprochen dunkel. Ebenso dunkel war es auch heute Morgen noch, in mir und wohin ich sah. Ich putzte meine Zähne, wusch und frisierte mich, zog mich an und setzte mich wie jeden Morgen müde auf meinen Küchentisch. Ja, auf, nicht an. Dabei kann man so schön die Beine baumeln lassen, weißt du. Man fühlt sich auf diese Weise ein wenig weiter weg vom »Boden der Tatsachen«, der ja jederzeit unter den eigenen Füßen wegbrechen könnte, ein ganz kleines bisschen sicherer.

Durch das offene Fenster strömte kalte Winterluft herein und von draußen drängten sich die ersten neugierigen Geräusche des Tages an mein Ohr. Ich versuchte sie zu ignorieren, nahm einen Schluck Kaffee und begann, die Tasse in einer, mein Mobiltelefon in der anderen Hand, deine Zeilen von letzter Nacht zu lesen.

Ich weiß nicht wieso und weswegen, aber irgendetwas machen sie mit mir, deine Worte, ein jedes Mal. So auch heute. Je länger ich sie ansah, einatmete, las, umso wärmer wurde mir, in sämtlichen Herzfasern ebenso wie in meinen schwirrenden Gedanken. Nach den ersten zwei Abschnitten blickte ich auf und sah zum offenen Fenster hinüber, hinter jenem sich ein hartnäckiger hellgrauer Schleier mehr und mehr in die Dunkelheit mischte.

Als ich weiterlas, mal leise lächelnd, mal mit konzentriert zusammengekniffenen Augen oder den Tränen nahe, merkte ich, wie nach und nach auch meine Dunkelheit von einem sanften Schleier durchzogen wurde. Azurblau war er, beruhigend und tief. Ich weiß nicht, ob es die Wärme deiner Worte war, das gegenseitige Erkennen oder die gefühlte Tiefe des Verstehens und Verstandenwerdens. Womöglich alles zusammen. Nachdem ich die letzte Zeile gelesen und das Telefon lächelnd weggelegt hatte, fühlte ich mich jedenfalls ganz und gar azur durchzogen.

Die schwere Dunkelheit war von tief innen knapp unter meine Haut gewandert, wo sie sich zusammenpresste und so allem anderen ein wenig Luft zum Atmen ließ. Wenn ich die Hand auf meinen Arm, meinen Bauch oder mein Bein legte, konnte ich sie zwar noch leise spüren. In Herznähe jedoch fühlte es sich erleichternd tiefblau an.

Das wollte ich dir bloß kurz sagen. Es tut unheimlich gut zu wissen, dass fremde Worte die Kraft haben, die eigene Farbe zu verändern – ins Positive. Dass man noch immer durchlässig ist für andere und deren Lichtpunkte, egal wie viel Eigendunkel einen erfüllt. Reich ist meiner Meinung nach, wer die Fähigkeit hat, so mit Worten zu zaubern. Du hast sie. Es ist mir wichtig, dass du das weißt. Und nie vergisst, Lebenszwilling. Ich danke dir – tiefblau und von Herzen.

(für S.)