Von wegen Vertrauen

Überall und auch sonst wollen sie einem heutzutage weismachen, man müsse bloß Vertrauen haben. Ein wenig Vertrauen hier, ein wenig Vertrauen da und hoppla ist alles gut, oder gar noch besser. Als wäre es so einfach. Als könnte man sich positive Attribute mal eben herbeiwünschen wie eine Kugel Vanille mit Sahne und obligatorischer Kirsche on top im heimischen Straßencafé um die Ecke.

Jedes Mal, wenn wir auf offener Straße nebeneinander hergehen und du mir zuflüsterst, ich brauche keine Angst zu haben – vor der ganzen Weite, all den Menschen, dem Leben an der frischen Luft und dem Puls der Zeit – werde ich wütend. Ja, was ich dann spüre, ist Wut. Neben all der Angst, die sich in meinem Magen breitmacht und unaufhörlich in Richtung Herz kriecht.

»Halt doch den Mund!«, würde ich dir am liebsten entgegenschleudern. Ich brauche also keine Angst zu haben. Woher weißt du das? Und selbst wenn. Wenn du das nächste Mal Sodbrennen hast, erinnere ich dich daran. »Weißt du, eigentlich brauchst du gar kein Sodbrennen zu haben«, säusle ich dir dann mit sanfter Stimme ins Ohr.

Versteh mich nicht falsch, ich weiß, dass ich ungerecht bin, zu dir, zu mir selbst und zum Leben an sich. Ich weiß, dass du mich in solchen Situationen bloß zu beruhigen versuchst, mir gut zureden und ein klein wenig Halt geben willst. Ich sollte dankbar dafür sein, statt mich zu beklagen. Du kannst schließlich nicht wissen, wie sehr mich jedes deiner Worte in solchen Situationen tiefer dorthin stürzt, wo die Verzweiflung mit dem Alleinsein Polka tanzt.

»Du. brauchst. keine. Angst. zu. haben.« – und doch schaffe ich es nicht, sie abzuschütteln und ihr den wohlverdienten Tritt in den Allerwertesten zu versetzen. Weißt du, eben jene Tatsache, dass ich nicht nicht tun kann, was du mir versicherst nicht tun zu müssen, schlägt diesen elenden Graben zwischen uns, lässt dich in Lichtgeschwindigkeit meilenweit von mir fortwehen, noch bevor du den Satz auch bloß zu Ende gebracht hast.

Und da stehe ich dann. Noch immer voller Angst. Und mit einem Mal auch noch alleine.

Kannst du verstehen, nur ein ganz kleines bisschen, wie weit weg diese ganze Sache von wegen »man muss bloß Vertrauen haben« mir in solchen Momenten erscheint? Andere gehen raus in die Welt. Ich bleibe daheim und »in Sicherheit«. Andere stürzen sich ins Leben. Ich bleibe außen vor und wage es hin und wieder nicht einmal, hinzuschauen. Andere greifen beherzt zu. Ich schüttle es metaphorisch ab, all das Wollen und Sehnen und tue so, als hätte ich alles, was geht.

Wo ist es denn, das liebe Vertrauen, wenn man es mal braucht? Ich habe danach gesucht. Ja, das habe ich. In schlauen Büchern und Glaubenssätzen, zu Hause im Wandschrank, hinter den Gardinen, im Supermarkt, bei Bekannten, Freunden und Familie. Die Ausbeute war mager. Vielleicht habe ich einen guten Teil meines Fundes auch bereits auf dem Rückweg wieder verloren. Ich bin ein ziemlicher Tollpatsch, es könnte also durchaus sein.

Wie man es dreht und wendet, es bleibt wie es ist.
Andere haben Vertrauen.
Ich habe Angst.

Und wenn du mir sagst, ich brauche sie nicht zu haben, dann habe ich im Grunde nicht einmal mehr dich.