Wir bleiben hier

»Wir bleiben hier« flüsterst du mir ins Ohr, während wir nebeneinander im Wohnzimmer auf dem Dielenboden liegen, der für einmal nicht knarrt, weil wir uns kaum bewegen.

Wir verharren still und mit geschlossenen Augen in der doppelten Handbreit Sonnenlicht, die sich an schweren Vorhängen vorbei über Fensterbrett, Couch, Beistelltisch und Teppich bis zu unserem Platz auf dem mucksmäuschenstillen Dielenboden streckt und dehnt. Würden wir die Augen just in diesem Augenblick öffnen, wonach würden wir uns wohl am allerdringlichsten sehnen?

Ich antworte ebenso stumm wie reglos. Aber dass wir hier bleiben, steht ausser Frage. Für einmal. Für den Moment.

Du hebst deine Hand lächelnd an meine Stirn und streichst sanft über meine Ponyfransen, die ich mir am Abend zuvor ebenso spontan wie zu kurz geschnitten hatte – mal wieder – und die im frühnachmittäglichen Sonnenlicht an loderndes Feuer erinnern. Etwas zu kurz und schief geratenes trotzig loderndes Feuer.

»Wir bleiben hier« seufze ich in Richtung Zimmerdecke und rolle mich zu dir hinüber, sodass meine Nasenspitze deine Wange beinahe berührt und meine Arme der Kontur deines Körpers folgen.

Ich höre dich neben mir atmen, ein und aus, spüre wärmendes Sonnenlicht auf meinem Gesicht und schliesse die Augen.

»Hierbleiben«.

Ob du damit wohl dasselbe meinst wie ich? Was bedeute diese elf Buchstaben denn eigentlich für mich?

Ich nehme eine Bewegung neben mir wahr, öffne die Augen und blicke unversehens in deine. Du hast dich in meine Richtung gedreht, den Kopf auf deinen ausgestreckten linken Arm gelegt, unsere Nasenspitzen sind nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Im ersten Moment sehe ich dich doppelt und noch während ich meinen Blick zu fokussieren versuche, denke ich mir: ja, das bist du für mich – so viel mehr als eins.

Ich muss lächeln, während du die Augen niederschlägst und es mir gleich tust.

»Wir bleiben wir«, höre ich dich mit einer Bestimmtheit sagen, die meinen Herzschlag ein paar mit imaginären Ausrufezeichen geschmückte Sekunden lang merklich schneller werden lässt.

Ja, verdammt, wir bleiben wir. Für einmal. Für den Moment. Immerhin.

Während wir im frühnachmittäglichen Sonnenlicht mit geschlossenen Augen nebeneinander im Wohnzimmer auf dem Dielenboden liegen, der für einmal nicht knarrt, weil wir uns kaum bewegen – geschweige denn nach irgendetwas sehnen.